Rede Dr. Meyer

Rede Dr. Meyer

Der Rausch der Kultur und die Kultur des Rausches. Überlegungen zur
Ausstellung „Codein“ von Saskia Detering
Dr. Michael Meyer, Leipzig

1. Prodrug
Meine Damen und Herren,
die folgenden Gedanken sollen eine Einführung sein für die
Ausstellung der Künstlerin Saskia Detering. Sachlich präziser
wäre es aber, sie als eine Art Ergänzung der Kunst durch die
Philosophie zu betrachten. Nicht das die Kunst und insbesondere
die Werke von Frau Detering das nötig hätten. Jedes Werk soll in
einem starken Sinn immer auch für sich selbst stehen können. Von
Ergänzung wäre daher nur in einem eingeschränkten Sinn zu
sprechen. Wie ein Balkon eine Wohnung ergänzt, so kann die
Philosophie die Kunst, so kann aber auch die Kunst die Philosophie
ergänzen. Die besondere Qualität dieser beiden kulturellen
Fähigkeiten besteht vielleicht darin, dass Philosophie eher Über­
und Umblicke geben kann, während das Spezifische der Kunst in der
hautnahen, intimen Anschauung liegt.
Die Ausstellung trägt den Titel „Codein“ und die ergänzenden
philosopischen Betrachtungen, also sozusagen, um im Bild zu
bleiben, der Balkonanbau zu der Werkwohnung, wurden inspiriert von
einer Bemerkung Frau Detering hinsichtlich ihrer Gründe den Titel
Codein zu wählen. Es faszinierte sie vor allem die Art der
Wirkungsweise dieses als Hustenmittel gebräuchlichen Opiats.
Demnach ist Codein ein Stoff, der kaum pharmakologische Aktivität
besitzt. Erst durch die Verstoffwechlung im Körper entfaltet er
schmerzlindernde Wirkungen, indem das hochaktive Morphium
entsteht. Bei Codein handelt es sich damit um eine sogenannte
„Prodrug“, eine Art von schlafender Materie, die ihre geistige
Potenz nur durch eine Verarbeitung in einem Körper hervorrufen
kann.
Hiervon ist es nur ein Schritt zu der Annahme, dass Kunstwerke
codeinanaloge Stoffe sind. Sie sind geformte Materie, in Form

gebrachter Stoff, oder anders gesagt: in­formierte Materialität.
Ihre stofflich­dramatische Choreographie setzt sich aber nur
frei, wenn ihr ein Metabolismus entgegen kommt, der bereit ist,
sie aufzunehmen. Jedes Werk ist somit das Echo der Exstase, der es
sich verdankt und die es fomierte und informiert denjenigen, der
sich ihm aussetzt, potenziell mit dem Lebensgefühl seines
Höhenflugs.
Demgemäß sollen die folgenden Überlegungen ein kurzer Ausflug zu
diesen Höhenflügen sein und der Frage nach dem Rausch der Kultur
und der Kultur des Rausches nachgehen, wie er sich in Europa
abspielte. Ich werden dabei fünf Stationen markieren und sie
skizzenhaft beschreiben.
Im Hintergrund steht dabei eine Bemerkung Friedrich Nietzsches,
der einmal das Theater und die Musik als das „Haschisch­Rauchen“
der Europäer bezeichnete und schrieb:
„Oh wer erzählt uns die ganze Geschichte der Narcotica! ­ Es ist
beinahe die Geschichte der „Bildung“, der sogenannten höheren
Bildung!“

2. Heiliger Wahn und heiliger Geist
Die erste Phase des Kulturrausches erstreckt sich von der
Vorgeschichte in die Antike und das Mittelalter. Hierbei ließe
sich von einer Epoche der metaphysischen Manie sprechen.
Auf zwei Ausprägungen möchte ich näher zu sprechen kommen. Einmal
die griechisch­antike Form des heiligen Wahnsinns.
Als Zeuge kann hierbei der Dialog „Phaidros“ von Platon dienen. In
dieser kosmologischen Dämonologie werden zwei Arten des Wahnsinns
unterschieden…… Ein auf Krankheiten zurückzuführender und ein
göttlicher, der die gewöhnlichen Zustände aufbricht und ein
höheres Leisten ermöglicht:
„Nun aber werden uns die größten der Güter durch Wahnsinn zuteil,
freilich nur einen Wahnsinn, der durch göttliche Gabe gegeben
ist.“
Platons Sokrates nennt gegenüber dem Jüngling Phaidros vier
Wirkungen des metaphysisch induzierten Rausches: Die

Wahrsagekunst, die Heilkunst, die schöpferische Energie des
„Musenwahnsinn“ und die Verzückung durch die erotische Anziehung.
Ein weiterer folgenschwerer Kulturrausch entstand mit dem
Christentum. Darin wurde der heilige Wahnsinn zum heiligen Geist
sublimiert, dessen Beseelung eine missionierende Himmelfahrt der
im Weltlichen verfangenen Geister erlaubt und dabei befreit von
den niederen Manien und der dumpfen Lethargie des Wartens auf
bessere Tage.
Die Hauptwirkungen dieses christlichen Wahnsinns sind eine Kultur
des Mitgefühls, die Verleihung von Würde an jeden Einzelnen als
Bürger im Reich Gottes und das festliche Gefühl von Geschichte als
Adventszeit. Wenn alle Kinder Gottes sind, so ist es nicht schwer,
empathisch für den Nächsten zu sein und sich für etwas zu halten,
was einen Wert besitzt, auch wenn alle irdischen Mächte einem das
aberkennen wollen. Hinzukommt eine Verwandlung der zyklisch
gedachten Zeit der Griechen. Wenn die Wiederkunft des Heilands
demnächst ansteht, dann wird die Gegenwart von dem Vorschein einer
großartigen Zukunft erfüllt, die unweigerlich kommt. Dann ist es
auch nicht schwer, seine Tage in Erwartung des Besten in Freude zu
verbringen und die Launen der Tagesform als unwesentliche
Nichtigkeiten abzutun.
Das Problem der metaphysischen Manie ist: Sie entwertet das Humane
als einen Kontrast zu einem Jenseits, gedacht als eine perfekte,
überhumane, ewige Sphäre. Das besondere Problem der christlichen
Manie ist dabei, dass dieses Seinsgefälle moralisch aufgeladen
wird. Die Intelligenz, das Leibliche und das Kreative werden als
eitle Sünden abgetan. Der Stolz wird als perverse Hybris des
Kreatürlichen verdammt. Man erinnere sich etwa an die Begründung
mit der der Kirchenvater Augustinus den Rausch des Eros verdammte:
Erotik sei böse, weil man bei ihrer Ausführung das dauerhafte An­
Gott­denken unterlasse.
Schlimmer an der dominanten, maßgeblich von Augustinus geprägten
kirchlich­staatsreligiösen Form, die das Christentum annahm ist
jedoch: Mit der religiösen Codierung der Manien wurden alternative
Manien zu etwas Bösem erklärt. Der Nichtgläubige, der

Andersgläubige und vor allem der vom Glauben Abgefallene wurden zu
Hassobjekten. Der heilige Wahnsinn wurde verächtlich. Damit kommt
im Abendland ein mächtiger religiöser Fanatismus auf, der erst
nach dem Dreißigjährigen Krieg, erschöpft von seinen verheerenden
Wirkungen, abflaute.

3. Schönes Diesseits und bewundernswerte Kreativität
Die zweite Phase der Kulturräusche setzt sich daher gegen diese
fanatischen christlichen Reduktionen des Menschlichen ab. An die
Stelle der Metaphysik tritt dabei die Humanität. Diese Bewegung
beginnt etwa um 1300. In ihr kam es zu einer Aufwertung der Welt
und der weltlichen Manien. Mit ihr begann die Aufhellung des
Diesseits. Die Welt, das Leben, der Mensch und seine Fähigkeiten
als Denker und Schöpfer werden in ihrer Kraft und Schönheit
wiederentdeckt. Damit entsteht die Epoche der kreativen Manie.
Nachdem die Schönheit des irdischen Jammertal neu empfunden wurde,
war es die unerschöpfliche Wunderkammer der Kreativität, die ins
Zentrum der Kultur rückte. Was sollte auch schlecht daran sein zu
erfinden und zu schaffen, wenn Gott Vater selbst ein Schöpfer und
Erfinder war? Der Mensch fand in seinen Manien eine Würde, weil
sie Ausdruck und Kraft des Besten waren, zu dem er fähig ist. Die
Entzückung bekam den Segen von oben als ein Akt der Mitarbeit im
Weinberg des Herrn. Als Ko­Kreativität wurde die Kreatur Mensch zu
einem Ebenbild Gottes auf Erden, das sich, die Erde und das
Verbessern verbessern kann.
Diese Diesseitsaufhellung dauert weiter an, ­ auch wenn
mittlerweile die Techniker den Künstlern den Rang abgelaufen
haben. Überall finden sich heute technische Maschinen, die einem
das Leben erleichtern und das Irdische entlasten von den
Arbeitsmühen, unter denen der alte Adam noch zu leiden hatte.
Arbeitslosigkeit durch technische Hilfe ist das Himmelreich des
Diesseits. Nach neusten, inoffiziellen Forschungsberichten
schenkte die Waschmaschine der Menschheit die sensationelle
Arbeitsentlastungsquote von 350 Millionen Stunden frei verfügbarer
Zeit.

4. Machbarkeit, Macht und Massen
Eine dritte Phase der Geschichte der Manien entwickelte sich aus
dem Rausch der Kreativität als einer Epoche der konstruktiven
Manie.
Die Aufwertung der irdischen Kreativität in der Renaissance
entwickelte sich nicht in eine offene Vielfalt. Es kam zu einer
baldigen Einschränkung des Humanen unter dem Paradigma des
Nützlichen und Ökonomischen und dem Paradigma des Mess­ und
Zählbaren, als einer Wissenschaft von einem Wissen, das Macht
verspricht. Hierbei wurde die Figur des Künstler, die noch für
eine relative Offenheit aller humanen Fähigkeiten stand, abgelöst
von der Figur des Technikers, des Eroberers und des Unternehmers.
Mit dieser vor allem an Macht orientierten konstruktiven
Kreativität kam ein entscheidener politischer Kulturrausch als
Massenwahn auf, der mit der Französischen Revolution begann. Mit
der Konstruktion der Massenheeren und der technisch verstärkten
Massenhinrichtungen wurde dann sehr schnell deutlich, dass ein
bloßes Erfinden von Menschenrechten noch keine Humanität
garantiert. Es gibt auch einen Fanatismus der Tugendkulte und der
großen Worte, aus dem zu lernen ist, dass Demokratie ohne
Liberalität und Mitgefühl zur Tyrannei wird. Nicht jeder Zweck
heiligt die Mittel, sondern es sind die Mittel, die das Wesen des
Zweckes offenbaren.

5. Moderne Kunst
Die moderne Kunst entsteht in dieser Phase der Kultur und gewinnt
ihre besondere Bedeutung als eine Reflexionsform der Manien. In
der modernen Kunst wird die Manie und ihre Wirkung als eine Manie
reflektiert. Dabei setzt sich die Kunst bewußt mit der Pluralität
und Destruktivität der Kulturräusche auseinander und verarbeitet
die Tradition der Irrungen und Höhenflügen der metaphyischen, der
kreativen und der konstruktiven Manien.
Die bemerkenswerten modernen Kunstwerke entstehen damit an der
Kreuzung zwischen der Bewunderung für das unwahrscheinlich Schöne

und Geniale, der Kritik an einer allzu nüchternden, allzu
bürokratisch konstruierenden Intelligenz und dem Ekel vor dem
hochtechnisierten Massenwahn, sei es als ideologisches
Übermenschentum einer Nation, als aggressiver Kult der arbeitenden
Klasse, als karriereorientierter Businesstress oder als
omnipräsenter Blödsinn der Unterhaltungsindustrie.

6. Ziviler Rausch
Meine Damen und Herren, wie sie unschwer erkennen können, dauert
diese Phase der Kulturgeschichte weiterhin an. Sie hat aber einen
neuen Aggregatzustand erreicht, der es erlaubt, von einer fünften
Phase in der Geschichte der Kultur als Geschichte des Rausches zu
sprechen. Was die Kultur heute in Wallung setzt, ist der
zunehmende Zwang zu der Sorge um die gemeinsame Welt. In dieser
wird von der Kultur gefordert, was sich vordem in der Kunst
abspielte: Eine Reflexion auf die Manie. Nur findet diese
Reflexion nun in der Orientierung auf die realexistierende
Globalität statt. Gefragt ist in dieser Lage der Rausch der Kultur
als eine Kultur des Rausches. Es geht darum, eine Kompetenz zu
entwickeln für globalverträgliche Manien, in einer ökologischen,
einer sozialen und einer hochkulturellen Perspektive. Daher könnte
man diese fünfte Phase des Kulturrausches auch die Epoche der
zivilisatorischen Manie nennen.

7. Kunst in der globalen Welt
Wollte man philosophisch reden, so könnte man die Herausforderung
für die Kunst in der zivilisatorischen Global­Kultur mit den
folgenden kategorischen Imperativen beschreiben:
Schaffe nur noch Werke, von deren manischer Qualität du wollen
kannst, daß sie auch im globalen Ausmaß eine verantwortbare
Wirkung erzielen könnten.
Oder: Schaffe so, daß du die Manie deiner Werke niemals bloß als
lokale Wirkung, sondern jederzeit zugleich als Möglichkeit einer
allgemeinen globalen Wirkung betrachtest.
Oder:

Wenn jeder ein Künstler ist, sehe jeder auch zu, daß er keinen
weiteren Müll produziert, der die Welt unnötig berauscht und
ablenkt.
Hierzu gehört aber notwendigerweise auch eine positive Fassung
dieser ins Ästhetische verlängerten kategorischen Imperative:
Sehe zu, daß du deine Zugänge zur hohen Manie findest und als
Staunen, Bewundern, Schaffen kultivierst und dich dabei nicht
entmutigen läßt von den Herausforderungen der Kultur und den
Angriffen der kulturlosen Weltverbesserer und Weltverschlechterer,
mit ihrer unverstandenen Wut gegen alles Schöperische, Gelingende
und Freie der Welt und des Lebens.
Oder kürzer:
Wisse um das Manische der Kultur und strebe danach, die Kultur der
Manie zu beherrschen, die vor allem darin besteht, sich immer
wieder auch vom Besten beherrschen zu lassen.
Oder, und damit lasse ich es bleiben:
Überspanne dich!
In diesem Sinn schrieb Nietzsche:
„Wozu sollten wir wieder hinab in jene trüben Gewässer, wo man
schwimmen und waten muß und seine Flügel mißfarbig macht! ­ Nein!
Da ist es zu schwer für uns zu leben: was können wir dafür, daß
wir für die Luft, die reine Luft geboren sind, wir Nebenbuhler des
Lichtstrahls, und daß wir am liebsten auf Ätherstäubchen gleich
ihm reiten würden, und nicht von der Sonne weg, sondern zu der
Sonne hin! Das aber können wir nicht ­ so wollen wir denn tun, was
wir einzig können: der Erde Licht bringen, das „Licht der Erde“
sein!“

8. Strandgut
Meine Damen und Herren, ich werde mich nun von dem Balkon des
Philosophen verabschieden und sie einladen, die Wohnung der Kunst
zu betreten.
Wenn sie im folgenden die Räume der Ausstellung durchstreifen, so
werden sie zu einem Teilnehmer einer Tradition der Manien, dem
unser Erdteil, trotzallem, das Beste verdankt, was er zu geben

imstande war und ist.
Auf den 12 Quadratmetern der Ausstellung werden sie in Kontakt mit
Werken kommen, die von der komplexen Geschichte der Manien eine
Ahnung geben, die sie entstehen ließ. Es sind Objekte, die die
weite Wüste der Zeit in einen Strand verwandeln können, da sie als
Strandgut von dem Meer der Kreativität als dem immer auch
bewundernswerten Menschenmöglichen zeugen, das sie hier an Land
spülte. Dieses Strandgut hofft auf einen Metabolismus, der
aufnahmebereit ist, die in ihnen schlummernden Kräfte miterleben
zu können.
Auf dem Weg geben möchte ich Ihnen noch eine Bemerkung der
Künstlerin, der wir den folgenen Kunstrausch zu verdanken haben
werden. Auf meine Frage, wieso sie ein bestimmtes Werk, es war
eine Art „Enten­Dose“, für besonders gelungen halte, entgegnete
sie, dass sie die Empfindung habe, die Dose sehe aus wie eine
„dreidimensionale Fotografie aus dem Jenseits, wie die Abbildung
einer Dose, die ins Jenseits übergegangen und wieder
zurückgekommen ist. Diese etwas überspannte Beschreibung trifft es
am ehesten.“